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«Mit einem Apfel will ich Paris in Erstaunen versetzen»

Ein Theaterabend mit H.-D. Jendreyko und Luzius Heydrich

(nach „Gespräche mit Cézanne“, Diogenes Verlag)

Verschiedene Maler, Galeristen und Schriftsteller haben mit Paul Cézanne gegen Ende seines Lebens Gespräche geführt. Diese Gespräche sind von einigen Teilnehmern dokumentiert worden. Aus dem umfangreichen Material und einigen Briefen ist die Textfassung dieser Produktion zusammengestellt. Alles was die Theaterfigur Cézanne in «Mit einem Apfel will ich Paris in Erstaunen versetzen» sagt, ist in diesem Sinne Originaltext Paul Cézannes.

Ausgangspunkt unserer Theaterwanderung ist der tägliche Marsch Cézannes zum Montagne Sainte-Victoire, dem berühmten Motiv vieler seiner Gemälde. Dabei spricht ihn ein junger Verehrer, ein Maler und Schriftsteller aus Paris, an. Er wünscht einige Werke von ihm sehen zu dürfen. Paul Cézanne weicht aus, nimmt ihn aber mit „sur le motif“ und durch Aix-en-Provence. Dieser gemeinsame Streifzug zieht sich durch das Stück und durch das Basler Theater. Wie der junge Mann den alten Meister begleitet, folgt das Publikum diesem ungleichen Paar. Station für Station, Szene für Szene, Thema für Thema bewegen sich die Schauspieler und Zuschauer durch verborgene Räume des Theater Basel. Es bietet sich die Gelegenheit, nicht nur ein wenig hinter das Geheimnis von Cézannes Malerei zu kommen, sondern auch einen Blick hinter die Bühne des Theaters selbst zu werfen. Die Stadt Aix liegt in den Katakomben des Hauses, die dem Besucher wahrscheinlich unbekannter sind als die französische Stadt. Die Wanderung endet im Malsaal des Theaters – dem Louvre.

Worüber sprechen die beiden auf diesem Weg? Der junge Verehrer befragt Cézanne nach seinem Leben und Cézanne führt das Gespräch immer wieder auf das, was sein Leben ist: die Malerei. Wieder und wieder unterbricht er den Gang und beobachtet: «Alles was wir sehen entschwindet, aber die NATUR ist immer dieselbe – was ist hinter der Natur? – vielleicht nichts? – vielleicht alles!» Um das Entschwindende der Natur in seiner Malerei nicht festzumachen, sondern das Dahinter bringt er diese hohe Konzentration des Sehens bis zur Selbstzerstörung auf: «Unser Sehvermögen ist verbraucht durch die Erinnerung an tausend Bilder, wir sehen nicht mehr die Natur, wir sehen die Bilder wieder. Sehen als ob man eben geboren worden ist.»

Aber Cézanne will noch mehr: ob Licht, ob Schatten, konvex oder konkav, ob Geologie, er will wissen und verstehen, um der Natur auf seiner Leinwand «die Erregung der Dauer zu geben». Sein Begleiter beklagt, dass er sich so sehr in die Isolation begibt, dass ihn in Paris keiner mehr wahrnimmt: «Ich mache alle Tage Fortschritte, das ist das Wesentliche.» – Zugleich ist er jedoch verletzt, weil er in den Pariser Salons nicht ausgestellt wird. Bei einem gemeinsamen Essen mit dem jungen Begleiter bricht die Geschichte des Zerwürfnisses mit dem Freund Emile Zola aus ihm heraus; ein andermal erzählt er, warum er die Arbeit am Porträt des französischen Präsidenten Georges Clemenceau abrupt abbrach: «Der Mann glaubt nicht an Gott. Machen Sie damit mal ein Portrait.»

Er schwärmt von Delacroix, von Monet und der Provence, erzählt schräge Geschichten, rezitiert Baudelaire, spöttelt über Renoir, widerspricht sich, erklärt die Vorgänge seines Sehens, empfindet sich als Klassiker und stürmt schliesslich voll Begeisterung durch den Louvre. Sein Begleiter ist immer bei ihm und lässt uns erfahren, was für ein kenntnisreicher, gebildeter Mensch dieser grosse Künstler ist – wenn er über seine Venezianer spricht, besonders Veronese, «der Prinz», und Tintoretto, «der Sträfling», in denen sich Cézanne selbst erkennt. So ergibt sich allmählich ein Bild des Malers, ein tache neben dem anderen. Ein sinnlicher Theaterabend über das Sehen, das Suchen und über das tiefe Staunen vor der Schöpfung und die Qual der malerischen Realisation.
Als er sich am Ende des Stücks lauthals erregt, weil der von ihm geliebte Courbet im Louvre schlecht gehängt ist und als Konsequenz die Absetzung des Direktors fordert, kommt er zu dem zurück, was er bereits in jungen Jahren gefordert hatte: «Il faut brûler le Louvre» – wenn man nicht den Mut hat, das Schöne zu zeigen.


Mit: H.-D. Jendreyko und Luzius Heydrich
Idee und Fassung: H.-D. Jendreyko
Regie: Andreas Schulz
Ausstattung: Michael Hein
Regieassistenz: Josef Simon
Produktion: stranger in company℗

Vorstellungen:
Premiere: 25.10.2011 Treffpunkt Bühneneingang, Elisabethenstrasse 16, 20 Uhr.

Weitere Vorstellungen:
22.11. / 6.12. / 12.12.2011
16.01. / 17.01.2012
13.02. / 20.02. / 21.02.2012
13.03. / 25.03.2012 (Die Vorstellung am 25.03. beginnt um 19:00)
23.04.2012

Weitere Vorstellungstermine gemäss Spielplan

Eintrittspreise: CHF 37.- / ermässigt CHF 21.- (ohne Garderobengebühr)


H.-Dieter Jendreyko hat als Schauspieler und Regisseur u.a. in Bremen, München, Zürich, Basel, Hamburg, Düsseldorf und Frankfurt gearbeitet, bevor er 1986 in Basel das Od-theater gründete und in freien Produktionen (mehrheitlich kantonal und von Stiftungen gefördert) literarisch anspruchsvolle Stoffe an theaterungewöhnlichen Orten in vielen Aufführungen umsetzte. Im September 2009 brachte er mit dem Od-theater Shakespeares „Sommernachtstraum“ in der E-Halle in Basel auf die Bühne.

Luzius Heydrich wurde 1982 in Arlesheim, Schweiz, geboren. Nach seinen ersten Theatererfahrungen als Statist und im Jugendclub des Theater Basel, studierte er Medizin in Basel und dann Regie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch unter den Mentoren Thomas Ostermeier und Susanne Truckenbrodt. In den folgenden Jahren inszenierte er am BAT Studiotheater u.a. „Lieber Georg“ von T. Brasch und „BAAL – Ein Stück Werkstatt“ nach Bertolt Brecht. Zuletzt führte er beim Projekt „Beinahe Tanz“ von UniT Graz am Theater am Lend Regie. Bereits bei „Jugend ohne Gott“, einer Od-theater Produktion von 1997, stellte er sein schauspielerisches Talent unter Beweis


Bilder: Brigitte Fässler ( http://faesslerundhorst.ch )