zurück   Die Notizen des Alten
Gesprochen von H.-Dieter Jendreyko
         
    Auszüge aus Gesprächen und Vorträgen von Giuseppe Ungaretti

«Ich bin geboren worden am Rande der Wüste (1) , und die Luftspiegelung der Wüste ist der erste Stimulus meiner Dichtung. Sie ist der ursprüngliche Stimulus. Das Gefühl des Todes, vom ersten Moment an, und rings umgeben von einer vernichtenden Landschaft: alles zerbröckelt, alles, ich glaube, ich habe es schon gesagt: alles hat nur eine minimale Dauer, alles ist prekär. Ich war in jener Landschaft gepackt von jener Präsenz, von jener Erinnerung, von jener beständigen Heraufbeschwörung des Todes.»

«Der Charakter, der primäre Charakter meiner gesamten Aktivität ist autobiographisch. Ich glaube, dass es weder Aufrichtigkeit noch Wahrheit in einem Kunstwerk geben kann, wenn das betreffende Kunstwerk nicht in erster Linie ein Bekenntnis ist.»

«Große Reden haben mich schon immer gestört. Diese meine Gedichte sind das, was alle meine Gedichte, die danach kommen, auch sein sollten, Gedichte also, die ihr Fundament in einem psychologischen Zustand haben, der aufs engste von meiner Biographie abhängt: Ein poetisches Träumen, das nicht auf meiner direkten Erfahrung basieren würde, kenne ich nicht.»

«Jedes Mal, wenn ich eine tiefe Gefühlsbewegung erfahre, erfahre ich sie, weil mich ein Naturschauspiel, gemeinsam mit einer objektiven Neuigkeit, meine Neuigkeit hat kennen lernen lassen. Die Natur, die Landschaft, das Ambiente, das mich umgibt, spielen immer eine grundlegende Rolle in meiner Dichtung.»


Ultimi cori per la terra promessa (Letzte Chöre für das gelobte Land - Rom 1952-1960) gehört zum Alterswerk von Giuseppe Ungaretti, dem Zyklus: Taccuino del Vecchio (Die Notizen des Alten).


«Erinnerung» «Gedächtnis» «Gedenken»: dies sind Schlüsselbegriffe in der späten Lyrik Ungarettis. Die Erinnerung ist das lebensspendende EchobiId vergangener Zeiten und verstorbener Freunde – und seiner verstorbenen Frau.

Ungaretti:
«Die Chöre 1, 2, 3, 24 sind entstanden aus einer kurzen Rückkehr nach Ägypten, unternommen im vergangenen Jahr zusammen Mit Leonardo Sinisgalli, und sind angeregt worden im besonderen von der Wüstenlandschaft der Nekropole von Sakkarah. Anlass für andere Chöre sind zutiefst persönliche Erlebnisse gewesen oder Ereignisse wie beispielsweise, in den Chören 16, 17, der Abschuss künstlicher Satelliten. All dies sind Motive, die dem Autor selbst nicht mehr als die seinen gelten dürften in seinem Werk, wenn es ihm gelungen ist, diesem dichterisches Leben zu verleihen.»


(1) 1888 in Alexandria/Ägypten als Sohn italienischer Einwanderer aus Lucca; mit 24 kommt er nach Europa, ist Frontsoldat im 1. Weltkrieg, studiert und lebt in Paris, Rom, Sao Paulo und stirbt 1970 in Rom.